.

Dank Kurzschlaf kein Sekundenschlaf

Sekundenschlaf

Expertentipps gegen Müdigkeit am Steuer

Schlägt der Sekundenschlaf auf der Autobahn zu, verpasst man in drei Sekunden bei Tempo 100 bereits über 80 Meter seiner Strecke – und vielleicht sogar den ganzen Rest seines Lebens.

 

Die Ursachen von Müdigkeit und damit eines Sekundenschlafs sind vielfältig: Während die einen zu lange ohne Pause fahren und ihre eigenen Fähigkeiten überschätzen, leiden andere unter akutem Schlafmangel oder sogar behandlungsbedürftigen Schlafstörungen – oft ohne es zu wissen. Wie man die Anzeichen von Müdigkeit rechtzeitig erkennt, was man im akuten Fall von Müdigkeit hinter dem Steuer tun sollte und welche Fehler Autofahrende dabei vermeiden sollten, dazu informierten Experten im Rahmen der Kampagne „Vorsicht Sekundenschlaf!“ des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) mit Unterstützung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) sowie weiterer Partner am Lesertelefon. Hier die wichtigsten Tipps zum Nachlesen:

 

Was sind sichere Zeichen für beginnende Müdigkeit am Steuer?

Anna-Sophie Börries: Zu den ersten Anzeichen von Müdigkeit am Steuer gehören unter anderem schwere Augenlider, häufiges Gähnen und der sogenannte Tunnelblick. Eine Pause sollte alle zwei Stunden und spätestens beim Aufkommen dieser Müdigkeitsanzeichen eingelegt werden.

 

Was hilft wirksam gegen die Müdigkeit hinter dem Steuer?

Anna-Sophie Börries: Wer hinter dem Steuer müde wird, sollte diese Gefahr wirklich ernst nehmen und nicht glauben, den Einschlafzeitpunkt am Steuer vorhersehen zu können und daher erst einmal weiter fahren. Denn akute Müdigkeit lässt sich nicht kompensieren und auch nicht durch beispielsweise frische Luft oder laute Musik austricksen. Sie sollten bei den ersten Müdigkeitssignalen den nächsten Parkplatz anfahren, eine Pause einlegen und diese am besten mit einem Kurzschlaf von zehn bis 20 Minuten oder alternativ Bewegung an der frischen Luft kombinieren.

 

Gibt es Tipps für einen erholsamen Kurzschlaf?

Anna-Sophie Börries: Ein Kurzschlaf von zehn bis 20 Minuten ist optimal und macht wieder wach. Dazu am besten einen Wecker stellen, den Kopf auf dem Lenkrad ablegen oder die Rückenlehne zurückstellen, dann die Augen schließen und langsam zur Ruhe kommen. Wer möchte, kann vor dem Kurzschlaf noch einen Kaffee trinken. Das darin enthaltene Koffein wirkt erst nach 30 Minuten, hindert daher nicht beim Einschlafen, erleichtert aber das Wachwerden und verstärkt so den Erfrischungseffekt.

 

Gibt es Zeiten mit einer besonders hohen Einschlafgefahr?

Dr. Markus Schumacher: Studien zeigen, dass sich die meisten Verkehrsunfälle aufgrund von Müdigkeit in den frühen Morgenstunden zwischen vier und acht Uhr sowie am späten Nachmittag zwischen 14 und 16 Uhr ereignen. Wenn möglich, sollten Sie lange Fahrten auf monotonen Strecken in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden daher vermeiden. Die Einschlafneigung ist dann besonders hoch, da der Körper zu dieser Zeit auf Schlafen eingestellt ist. Gefährlich sind auch Fahrten nach der Nachtschicht, besonders wenn sie länger dauern und bei wenig Verkehr auf der Autobahn stattfinden.

 

Ich habe einen Müdigkeitswarner im Auto. Kann ich mich darauf verlassen?

Dr. Markus Schumacher: Der Müdigkeitswarner berechnet laufend einen Index für das Ausmaß der Müdigkeit. In diesen Index gehen Messgrößen wie Lenkbewegungen, Uhrzeit, Dauer der Fahrt, wie gut die Spur gehalten wird, und zum Teil auch das Blickverhalten ein. Übersteigt der Müdigkeitsindex einen bestimmten Wert, warnt das Auto und weist darauf hin, eine Pause einzulegen. Aber Achtung! Das System übernimmt nicht das Steuer, wenn Sie einschlafen! Und: Signale des Körpers sollten Sie immer ernst nehmen, auch wenn der Müdigkeitswarner noch nicht zum Pausieren auffordert. Auch Spurhalteassistenten und Auffahrwarnsysteme haben nur eine unterstützende Funktion. Sie können einen Einschlafunfall nicht verhindern.

 

Ich schlafe abends schlecht ein und liege oft lange wach. Muss ich mir Sorgen machen?

Prof. Maritta Orth: Ein- und Durchschlafstörungen legen den Verdacht auf eine Schlafstörung namens Insomnie nahe. Diese kann zu einer Einschränkung der Aufmerksamkeit am Tage sowie vermehrter Tagesschläfrigkeit mit Einschlafattacken führen. Treten diese beim Steuern eines Fahrzeugs auf, können sie zu Fahrfehlern, Beinahe-Unfälle oder sogar Unfällen führen. Lassen Sie Ihre Symptome deshalb unbedingt medizinisch abklären.

 

Was tun bei Verdacht auf eine Schlafstörung?

Prof. Maritta Orth: Die internationale Klassifikation von Schlafstörungen nennt rund 80 verschiedene Schlafstörungen. Die häufigsten sind sicherlich die Atmungsstörungen im Schlaf, darunter das Schlaf-Apnoe Syndrom, sowie die Insomnie und Bewegungsstörungen wie das Restless Legs-Syndrom. Zunächst sollte der Patient die Symptome seinem Hausarzt schildern, zum Beispiel Schnarchen und Atmungsaussetzer, Ein- und Durchschlafstörungen oder zwanghafter Bewegungsdrang überwiegend der Beine aber auch der Arme, wenn der Patient versucht einzuschlafen. Liegen Symptome vor, sollte der Hausarzt seinen Patienten an einen Arzt verweisen, der eine so genannte Polygraphie durchführen kann. Hierbei werden Atmung, Herz-Kreislauf-Funktion und Sauerstoffsättigung mit einem Gerät gemessen, das der Patient zuhause in der Nacht trägt. Verdichten sich die Hinweise auf eine Schlafstörung, sollte der Patient in einem Schlaflabor untersucht werden. Liefert diese Diagnostik keinen auffälligen Befund, müssen weitere Ursachen für Schlafstörungen wie internistische, neurologische oder auch psychiatrische Erkrankungen abgeklärt werden.

 

Welche Erkrankungen können zu Tagesmüdigkeit führen?

Prof. Maritta Orth: An erster Stelle sind dies die erwähnten über 80 Schlafstörungen. Darüber hinaus können aber auch Erkrankungen innerer Organe wie zum Beispiel eine Herzschwäche oder eine chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD), eine Schilddrüsenfunktionsstörung oder eine Lebererkrankung – etwa eine Leberzirrhose – zu Tagesmüdigkeit führen. Und nicht zuletzt kann sich hinter einer Schlafstörung auch eine neurologisch-psychiatrische Erkrankungen wie beispielsweise eine Depression stecken.

 

Ich nehme Tabletten gegen eine Schilddrüsenerkrankung ein. Kann das Auswirkungen auf meinen Schlaf haben?

Dr. Wilfried Böhning: Eine Schilddrüsenerkrankung kann per se erhebliche Auswirkungen auf den Stoffwechsel und damit auf die Schlafqualität haben. Deshalb kommt es darauf an, die medikamentöse Therapie präzise einzustellen und die Stoffwechselsituation der Schilddrüse zu kontrollieren. Sowohl eine zu hohe als auch eine zu niedrige Dosis können – übrigens nicht nur mit Blick auf die Schlafqualität – problematisch sein.

 

Ich arbeite im Schichtdienst und habe einen langen Weg zur Arbeit. Was kann ich gegen die Müdigkeit tun?

Dr. Wilfried Böhning: Das hängt nicht zuletzt davon ab, ob es sich um eine Arbeit im Zwei- oder Dreischichtbetrieb handelt und nach welcher Schicht Müdigkeit besonders stark auftritt. Jeder Mensch gehört zu einem so genannten Chronotyp, also eine individuelle Ausprägung der inneren biologischen Uhr mit Auswirkungen auf Hormonspiegel, Körpertemperatur, Schlaf- und Wachzeiten und die Leistungsfähigkeit. Von Ihrem individuellen Chronotyp hängt ab, wie Ihre Schlafperioden vor und nach dem Schichtdienst gestaltet werden sollten, damit Ihre Fahrfitness gewährleistet bleibt.

 

Wie sorge ich für einen erholsamen Nachtschlaf?

Dr. Wilfried Böhning: Zunächst sollte das Schlafzimmer behaglich und groß genug sein, idealerweise zwischen 16 und 18 Grad temperiert sein und über ein Bett mit einer guten Matratze verfügen. Lichtquellen wie ein Leuchtwecker können die Schlafqualität mindern; Fernseher, Computer, Tablets und Mobiltelefone sollten Sie möglichst aus dem Schlafzimmer verbannen. Wichtig sind auch ein fester Schlaf-Wach-Rhythmus und konstante Bettliegezeiten – auch am Wochenende. Vor dem Zubettgehen können Rituale hilfreich sein: Ein kurzer Spaziergang, angenehme, nicht zu aufregende Literatur oder beruhigende Musik. Planen Sie mindestens eine Stunde Zeit zwischen Abendessen und Zubettgehen ein und vermeiden Sie umfangreiche Spätmahlzeiten. Falls Sie rauchen, verzichten Sie in den letzten zwei Stunden vor dem Schlafen darauf. Alkohol sollte nur in begrenztem Maße und niemals als Einschlafhilfe konsumiert werden. Sonst riskieren Sie ein zu frühes Aufwachen. Und nicht zuletzt: Fragen Sie Ihre Partnerin oder Ihren Partner, ob ihr oder ihm etwas an Ihrem Schlaf auffällt, zum Beispiel Schnarchen oder andere Atemgeräusche, Beinbewegungen, Sprechen, Zähneknirschen oder gar „Schlafwandeln“. Solche Hinweise machen es leichter, Schlafstörungen gezielt auf den Grund zu gehen.

 

 

Die Experten am Lesertelefon waren:

 

  • Anna-Sophie Börries; Referentin Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat e.V. (DVR)
  • Prof. Dr. med. Maritta Orth; Chefärztin der Medizinischen Klinik III des Theresienkrankenhaus in Mannheim
  • Dr. med. Wilfried Böhning; Leiter des Instituts für Schlafstörungen in Bad Lippspringe
  • Dr. rer. nat. Markus Schumacher; Diplompsychologe bei der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt)

 

Quelle: pr | nrw, Foto: DVR



Suche

Suche

Facebook

.

xxnoxx_zaehler