.

So kommen die Beine wieder zur Ruhe

schlaflos

Restless Legs Syndrom ist gut behandelbar

 

Wenn sie abends zur Ruhe kommen wollen, beginnt für Menschen mit dem Restless Legs Syndrom (RLS) die tägliche Qual: Die Beine fangen an zu schmerzen, ein Ziehen, Stechen und Zucken macht Entspannung unmöglich.

 

Erst in Bewegung lassen die Beschwerden nach – doch wer kann schon Ruhe und Schlaf finden, wenn er ständig umherläuft? Die Folgen sind Müdigkeit und Erschöpfung, eine dauernde Anspannung und ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen oder eine Depression. Das Problem: Viele Betroffenen denken, dass sie an einer psychischen Störung leiden. Tatsächlich aber ist ein RLS eine neurologische Erkrankung, die sich gut behandeln lässt. Wie endlich wieder Ruhe in Beinen und Leben einkehrt, dazu berieten Neurologen und weitere Experten am Lesertelefon. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Nachlesen:

 

Was sind sichere Anzeichen für ein Restless Legs Syndrom?

Priv.-Doz. Dr. med. Cornelius Bachmann: Die Diagnosestellung eines Restless Legs Syndroms erfolgt klinisch anhand von fünf Diagnosekriterien, die dafür erfüllt sein müssen: Erstens ein Bewegungsdrang der Beine, der verbunden sein kann mit unangenehmen Empfindungen; zweitens beginnen oder verschlechtern sich die Symptome in Ruhepositionen; drittens bessern sie sich vollständig oder teilweise durch Laufen oder Dehnen; viertens sind die Symptome abends oder nachts deutlicher ausgeprägt. Fünftens schließlich dürfen die genannten Symptome nicht ursächlich auf andere medizinische oder Verhaltenserkrankungen zurückzuführen sein, zum Beispiel Beinödeme, Arthritis oder nächtliche Muskelkrämpfe in den Beinen.

 

Gibt es so etwas wie einen Selbst-Test?

Lilo Habersack: Es ist wichtig, sich ein genaues Bild über die eigenen Beschwerden zu machen, in sich hinein zu hören und sich die richtigen Fragen zu stellen, um dann entscheiden zu können: Ist ein Besuch – vorzugsweise bei einem Neurologen – notwendig? Unterstützung dabei liefert ein Selbsttest, den die RLS e.V. Deutsche Restless Legs Vereinigung auf ihrer Internetseite anbietet: www.restless-legs.org.

 

Wie stellt der Neurologe die Diagnose?

Dipl. med. Safi Hazzan: Kern der Diagnose ist die ausführliche Anamnese, also die systematische Befragung durch den Facharzt, um die Symptome wie Missempfindungen oder Bewegungsdrang präzise zu erfassen und andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Beschwerden verursachen. Eine ergänzende neurologische Diagnostik einschließlich der Messung der Nervenleitgeschwindigkeit und eine Muskeluntersuchung dienen dazu, andere Erkrankungen wie eine Nervenfunktionsstörung oder Muskelerkrankungen auszuschließen. Hinzu kommt die Ermittlung von Blutwerten, die uns bei der Identifizierung möglicher Ursachen des RLS helfen kann oder beim Erkennen von Faktoren, die zu einer Verschlimmerung der Symptome beitragen. Zu nennen sind hier ein Eisenmangel oder eine Nierenfunktionsstörung, die ein sekundäres RLS verursachen können.

 

Wie bereite ich mich auf den Untersuchungstermin vor?

Cosima Jastrow: Ich nutze zur Vorbereitung auf den nächsten Arztbesuch die mobile App „Mein RLS Monitor“. Sie ist intuitiv zu bedienen und gibt mir auf einen Blick die Möglichkeit zu sehen, wie oft ich in der Zeit seit meinem letzten Arztbesuch Probleme mit RLS hatte. Die App eignet sich auch bei der Vorbereitung auf den ersten Untersuchungstermin, indem sie hilft, Symptome genau zu erfassen und Besonderheiten im Alltag festzuhalten, die mit einem RLS in Zusammenhang stehen könnten.

 

Wie sieht die Behandlung aus?

Dr. med. Ines Peglau: Obwohl die Wissenschaft die genaue Entstehung eines RLS immer besser versteht, verfügen wir bislang über keine Therapie, die ein RLS tatsächlich heilt. Die Behandlung richtet sich immer auf die Symptome. Medikamente der ersten Wahl sind Substanzen, die auf Dopaminrezeptoren im Gehirn wirken. Der Botenstoff Dopamin ist an der Signalübertragung zur Steuerung von Bewegungsabläufen beteiligt. Zur Auswahl stehen L-Dopa, eine Vorstufe von Dopamin sowie so genannte Dopaminagonisten, die am Dopaminrezeptor die gleiche Wirkung erzeugen wie körpereigenes Dopamin. Welcher Wirkstoff zum Einsatz kommt, muss im Einzelfall abgewogen werden.

 

Werden die Medikamente nach Bedarf eingenommen?

Safi Hazzan: In der Anfangsphase der Erkrankung treten Beschwerden eventuell nur zeitweise auf. Dann ist eine bedarfsbezogene Medikation möglich. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Beschwerden im weiteren Verlauf der Erkrankung häufiger und intensiver werden, sodass eine regelmäßige Einnahme der Medikamente notwendig wird, um den gewünschten therapeutischen Effekt der Beschwerdefreiheit zu erreichen.

 

Neuerdings treten bei mir wieder vermehrt Beschwerden auf, auch tagsüber und in den Armen. Lässt die Wirkung der Medikamente nach?

Dr. Cornelius Bachmann: Der beschriebenen Zunahme der RLS-Symptomatik im Tagesverlauf und in zuvor nicht betroffenen Körperregionen liegt am ehesten eine Augmentation zugrunde, die am häufigsten bei Einnahme von L-Dopa auftritt – bei Dopaminagonisten sind die Augmentationsraten signifikant geringer. Wenn man RLS-Symptome auch tagsüber hat und zum Beispiel bei sitzender Tätigkeit ständigen Bewegungsdrang verspürt, kann die Behandlung mit einem Wirkstoffpflaster von Vorteil sein, das den Wirkstoff über einen Zeitraum 24 Stunden abgibt.

 

Bedeutet das, ich muss mich irgendwann mit den Beschwerden abfinden?

Dr. med. Ines Peglau: Wir können heute auch bei fortgeschrittener Erkrankung mit ausgeprägter Symptomatik wirksame Therapieoptionen anbieten. Oftmals bessern sich Beschwerden durch eine „drug rotation“, also einen Wechsel der Medikamente. Bei schwerem RLS können wir als Medikamente der zweiten Wahl Opioide einsetzen. Zugelassen und in Studien geprüft ist ausschließlich Oxycodon/Naloxon, es wirken auch andere Opioide wie beispielsweise Tilidin retard. Andere Medikamente wie Gabapentin oder Pregabalin – so genannte Alpha-2Delta-Liganden – verfügen auch nicht über eine entsprechende Zulassung und werden nur im so genannten Off-label-Verfahren angewendet. In der Praxis kommen bei schwerem RLS auch Kombinationstherapien zur Anwendung, die jedoch bislang wissenschaftlich nicht untersucht sind und deren genaue Ausrichtung stark vom Einzelfall abhängt.

 

Welche Nebenwirkungen können die Medikamente außerdem mit sich bringen?

Safi Hazzan: Die Dopaminergika werden beim RLS relativ niedrig dosiert und das Auftreten von Nebenwirkungen ist im Vergleich zur Anwendung bei Parkinson entsprechend geringer. Treten Nebenwirkungen auf, sind es meist Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Beinödeme und teilweise Müdigkeit.

 

In einem Fernsehbeitrag war von der Behandlung in einer Kältekammer die Rede…

Dr. Cornelius Bachmann: Viele Patientinnen und Patienten fragen nach einer nicht-medikamentösen Behandlung der RLS-Symptome. Laut einer kontrollierten wissenschaftlichen Untersuchung führt eine Kältekammerbehandlung bei minus 60 Grad Celsius für jeweils zwei Minuten über zehn Werktage abends über bis zu vier Wochen zu einer anhaltenden Symptomlinderung. Die Kältekammerbehandlung wird allerdings nicht von den Krankenkassen übernommen. Als bewährte Hausmittel kann man aber auch kühlende Gele oder Kältekompressen einsetzen.

 

Was kann ich selbst tun, um für Ruhe und Entspannung zu sorgen?

Cosima Jastrow: Jeder Mensch hat unterschiedliche Wege und Methoden, auf denen er zur Ruhe kommen kann – und die gilt es, bewusst zu finden und anzuwenden. Ich persönlich achte auf meine Ernährung und meide Koffein am Abend. Leichte Bewegung am Abend tut mir gut und ich weiß, dass ich aktiv einiges tun kann, um meine Schlafqualität zu verbessern.

 

Wie sorge ich konkret für erholsamen Schlaf?

Cosima Jastrow: Vor allem, indem ich möglichst tagsüber auf Schaf verzichte – auch wenn das Menschen mit RLS wegen der Tagesmüdigkeit besonders schwerfällt. Tagsüber zu schlafen setzt einen regelrechten Teufelskreis in Gang: Noch schlechterer Nachtschlaf, mehr Tagesmüdigkeit am Folgetag und so weiter. Um nachts gut schlafen zu können, halte ich mein Schlafzimmer abgedunkelt, habe Fernseher, Computer und Handy aus dem Schlafzimmer verbannt. Für mich gehören ein kurzer Spaziergang am frühen Abend und ein Kräutertee kurz vor dem Zubettgehen zum festen Ritual. Dauern Schlafprobleme trotz fördernder Maßnahmen an, kann die Untersuchung in einem Schlaflabor Klarheit bringen, was die nächtliche Ruhe stört.

 

Was müssen Frauen mit Kinderwunsch und Schwangere über RLS wissen?

Lilo Habersack: Oft tritt ein RLS erstmals überhaupt im letzten Drittel einer Schwangerschaft auf. Der Grund kann ein Mangel an Eisen sein. Deshalb sollte der Eisenspeicherwert – auch Ferritin-Wert genannt – deutlich über 50 Mikrogramm/Liter liegen. Auch die Gabe von Magnesium kann mitunter die Situation verbessern – natürlich nur in Absprache mit Ihrem behandelnden Arzt. Da RLS-Medikamente in der Schwangerschaft nach Möglichkeit nicht zum Einsatz kommen sollen, sollten Schwangere alle möglichen „Hausmittel“ nutzen: kühlende Umschläge, leichte sportliche Übungen am Vormittag, gute Schlafbedingungen, Verzicht auf Kaffee, Tee oder Alkohol. Übrigens: Die Vorfreude auf das Baby sollten Sie sich nicht trüben lassen! Die RLS-Beschwerden wirken sich nicht auf das Kind oder seine normale Entwicklung aus und in fast allen Fällen bildet sich das RLS nach der Geburt vollständig zurück.

 

Wo können sich Betroffene austauschen?

Lilo Habersack: Die erste Adresse für Information und Austausch ist die RLS e. V. Deutsche Restless Legs Vereinigung. Unter www.restless-legs.org informieren wir umfassend über die Erkrankung und bieten jeden Mittwoch eine Telefon-Hotline mit einem Mitglied unseres wissenschaftlichen Beirats, der die Aktualität der fachlichen Informationen und Erkenntnisse sicherstellt. Über die Internetseite finden Betroffene auch Kontakt zu den deutschlandweit regional verteilten RLS-Selbsthilfegruppen, die mit ihren gut geschulten Ansprechpartnern in allen Lebenslagen weiterhelfen. Mitglieder der RLS e. V. Deutsche Restless Legs Vereinigung erhalten zudem zweimal im Jahr die Mitgliederzeitung „Restless Legs aktuell“.

 

 

Infokasten

 

Angeklickt:

Restless Legs – Diagnose, Behandlung, Lebensqualität

 

RLS e. V. Deutsche Restless Legs Vereinigung

Die 1995 gegründete Patientenvereinigung mit über 4.000 Mitgliedern ist Anlaufstelle für Betroffene, Ärzte, Wissenschaft und Öffentlichkeit. Über 120 Selbsthilfegruppen organisieren die Arbeit mit und von Betroffenen vor Ort. Der Verein unterstützt seine Mitglieder durch die Herausgabe einer Mitgliederzeitung, eine regelmäßige Hotline mit RLS-erfahrenen Ärzten, Leitfäden zu ausgesuchten Themen sowie Vortragsveranstaltungen zum Thema RLS. Die fachliche Qualität der Informationen stellt ein medizinisch-wissenschaftlicher Beirat sicher, dem angesehene Wissenschaftler und Spezialisten auf dem Gebiet der RLS–Forschung angehören.

Ü www.restless-legs.org

 

RLS gut behandeln

Das Unternehmen UCB Pharma GmbH hat auf seinem Themenportal aktuelle und umfangreiche Informationen zu Symptomen, Diagnose und Therapie des RLS zusammengestellt. Ergänzt werden die Informationen um Tipps zum Umgang mit der Erkrankung, zum Beispiel zu Ernährung, Sport und Beruf. Interessierte können eine Patientenbroschüre in verschiedenen Sprachen herunterladen oder kostenlos bestellen. Ebenfalls verfügbar: die App „Mein RLS Monitor“ mit RLS-Tagebuch, Erinnerungsfunktion für die Medikamenteneinnahme und mehr.

Ü www.rls-gut-behandeln.de

 

ÄZQ – Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin

Das gemeinsame Kompetenzzentrum von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung fasst verständlich formulierte Informationen zum Krankheitsbild RLS zusammen. Erkrankung, Ursachen, Untersuchungen und Behandlung werden in kompakter Form erläutert. Patienten erfahren, was sie selbst tun können und haben die Möglichkeit, alle Inhalte als Kurzinformation kostenlos herunterzuladen.

Ü www.patienten-information.de/kurzinformationen

 

DGN – Deutsche Gesellschaft für Neurologie

Auf der Website der medizinischen Fachgesellschaft finden Interessierte direkten Zugang zu den aktuellen Behandlungsleitlinien für das Restless Legs Syndrom.

Ü www.dgn.org/leitlinien

 

 

Die Experten am Lesertelefon waren:

 

  • Priv.-Doz. Dr. med. Cornelius Bachmann, Facharzt für Neurologie, Chefarzt der Klinik für Neurologie an der Paracelsus-Klinik in Osnabrück, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des RLS e. V. Deutsche Restless Legs Vereinigung
  • Lilo Habersack, Vorstandsvorsitzende des RLS e. V. Deutsche Restless Legs Vereinigung, München
  • Dipl. med. Safi Hazzan, Facharzt für Neurologie, Kompetenzzentrum RLS und Beinschmerzen, Arbeits- und Organisationspsychologe M.A., Düsseldorf
  • Cosima Jastrow, RLS-Patientin und -Patientenbotschafterin, Berlin
  • Dr. med. Ines Peglau M.A., Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, Schwerpunktpraxis RLS, Berlin

 

 Quelle: pr | nrw, Foto: alco81 - fotolia.com



Suche

Suche

Facebook

.

xxnoxx_zaehler