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Expertentipps zu Rheuma und Schmerz

Je besser die Basistherapie, umso weniger Schmerzmittel

Leben mit RheumaRheuma und Schmerz sind untrennbar miteinander verbunden – das wissen viele Rheuma-Patienten aus leidvoller Erfahrung. Insgesamt sind in Deutschland etwa 17 Millionen Menschen von einer rheumatischen oder  muskoloskelettalen Erkrankung betroffen. Die große Bandbreite rheumatischer Erkrankungen erfordert eine spezielle Behandlung des Themas Schmerz, doch längst nicht alle Patienten erhalten eine für Ihr Krankheitsbild adäquate Schmerztherapie.

Anlässlich des Welt-Rheuma-Tags 2016 informierte eine Vielzahl von Experten im Rahmen einer bundesweiten Aktion. Eine Auswahl wichtiger Fragen und Antworten gibt es hier zum Nachlesen:

Sind die Schmerzen bei Rheuma immer auf eine Entzündung zurückzuführen? Oder gibt es noch andere Ursachen?

Prof. Erika Gromnica-Ihle, Fachärztin für Innere Medizin und Rheumatologie, Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga Bundesverband: Schmerzen gehören wie Schwellung, Rötung, Überwärmung und Funktionseinschränkung zu jeder Entzündung und somit auch zu den entzündlichen Gelenkerkrankungen. Schmerzen bei Rheuma können aber auch andere Ursachen haben wie beispielsweise Über- und Fehlbelastungen des Bewegungsapparates, Muskelverspannungen oder Schädigungen der Nerven.


Soll ich mich bei rheumatoider Arthritis bei einem akuten Schub eher schonen oder mit meinem Bewegungstraining weitermachen? Soll ich dabei auch „über die Schmergrenze“ gehen?

Prof. Erika Gromnica-Ihle: Je nach Stärke des Rheumaschubes sollte man mit einem eingeschränkten Bewegungstraining fortfahren. Man sollte aber keinesfalls „über die Schmerzgrenze hinausgehen“.

 

Es klingt paradox, aber bei Bewegung lassen meine Schmerzen nach. Warum – und kann ich mit gezielter Bewegung meine Schmerzen dauerhaft verringern?

Prof. Stefan Schewe, Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie: Es ist geradezu klassisch für entzündliche Rheumaerkrankungen, dass Schmerzen durch nicht zu stark belastende Bewegung besser werden. Durch die Bewegung verbessert sich die Durchblutung und die Entzündung im Gelenk wird weniger. Die durch die Entzündung vermehrte Flüssigkeit im Gelenk wird abgebaut - die Schmerzen nehmen ab. Deshalb gilt grundsätzlich: Bewegung ist gerade für ein entzündetes Gelenk eher günstig, wenn die Entzündung nicht zu massiv ist. Sie müssen also selbst herausfinden, wie viel Bewegung ihnen gut tut, und welche  Belastung zu groß für Ihr entzündetes Gelenk ist.

 

Leben mit RheumaWas kann ich tun, damit ich eine Schonhaltung und damit verbundene Schmerzenvermeide?

Prof. Erika Gromnica-Ihle: Je nach Ort der Schonhaltung müssen die Gegenspieler der verkrampften Muskeln aktiviert werden. Das gelingt in der Regel nur gut und richtig durch eine spezielle Krankengymnastik unter Anleitung von Physiotherapeuten.

 

Wie kann ich meine Gelenke zum Beispiel bei der Hausarbeit entlasten, damit der Schmerz nicht so stark wird?

Prof. Erika Gromnica-Ihle: Bei der Hausarbeit gibt es eine Vielzahl von Hilfen, damit die Gelenke nicht überlastet werden: Gefäße mit zwei Henkeln oder Griffen verwenden, damit sich das Gewicht auf beide Arme verteilt. Rutschfeste Unterlagen benutzen, damit zum Beispiel beim Rühren nicht noch Haltearbeit geleistet werden muss. Effektive Öffner von Flaschen oder Büchsen verwenden, Griffverdickungen nutzen. Zum Schneiden spezielle Messer verwenden, die ein Abknicken im Handgelenk verhindern. Ist etwas Schweres zu tragen, holen Sie es möglichst nah an den Körper heran. Bringen Sie Dinge, die ständig gebraucht werden, nicht zu hoch unter, damit das Schultergelenk nicht ständig übermäßig beansprucht wird. Praktische Tipps bekommen Sie auch bei den Ergotherapeuten oder durch die Videos der Rheuma-Liga und  deren Broschüren.

 

Ich habe oft so starke Schmerzen, dass ich mich zu nichts mehr aufraffen kann. Gleichzeitig habe ich Angst, auf Dauer zu vereinsamen. Was raten Sie mir?

Prof. Erika Gromnica-Ihle: Lassen Sie zuerst abklären, ob bei Ihnen möglicherweise eine Depression vorliegt. Entzündliche Rheuma-Formen sind häufig von einer Depression begleitet und diese ist gut behandelbar. Ich rate Ihnen sehr, sich einer Gruppe der Deutschen Rheuma-Liga anzuschließen. Sie werden andere Betroffene kennen lernen und aus Ihrer Vereinsamung herauskommen. Dort warten viele interessante Angebote auf Sie. Sie müssen nur zugreifen.

 

Was kann ich von einer psychologischen Schmerztherapie erwarten?

Prof. Erika Gromnica-Ihle: Vor allem eine Behandlung der schmerzrelevanten Faktoren, die durch Medikamente nicht oder nur schwer zu beeinflussen sind. Eine psychologische Schmerztherapie hat viele  Elemente: Sie beginnt mit einer Analyse schmerzverstärkender und schmerzabschwächender Faktoren, auf der dann die Verhaltenstherapie aufbaut. Sie erlernen Methoden zur Ablenkung, zum Stressabbau und zur Entspannung, trainieren aber auch ihre sozialen Kompetenzen. Begleitende Depressionen und Angststörungen werden mitbehandelt und der Abbau von Schon- und Überforderungshaltungen erlernt. Die
psychologische Schmerztherapie gehört bei jedem chronischen Schmerzpatienten zum Behandlungskonzept.

 

Wie ändert sich die Behandlung bei chronifiziertem Schmerz?

Prof. Stefan Schewe: Bei chronifiziertem Schmerz hat sich das Gehirn so an den Schmerz gewöhnt, dass es auch bei Wegfall der Ursache weiter zu Schmerzen kommt. Die Schmerzempfindung hat sich eigene Wege im Nervensystem gebahnt, die nur schwer wieder zu verändern oder zurückzuführen sind. Entsprechend ändert sich das therapeutische Vorgehen. Das Prinzip ist dann neben der Schmerzbehandlung, dem Körper klar zu machen, dass keine eigentliche auslösende Ursache für die Schmerzen mehr vorhanden ist.

 

Ist die Einnahme von Schmerzmitteln regelmäßig und auf Dauer nötig? Oder nur bei einem Schub bzw. wenn die Schmerzen besonders stark werden?

Prof. Stefan Schewe: Dabei kommt es auf die Ursache der Schmerzen an. Bei entzündlichen Rheumaschmerzen ist es oftmals nicht möglich, eine vollständige Schmerzfreiheit zu erreichen. Entscheidend ist immer, dass die Entzündung – also die Schmerzursache – behandelt und möglichst weitgehend unterdrückt ist, damit die Gelenke nicht weiter Schaden nehmen. Leichte, erträgliche Schmerzen müssen dann auch nicht zusätzlich dauerhaft behandelt werden, denn praktisch alle Schmerzmedikamente können auf Dauer auch schädliche Nebenwirkungen haben. Unter einer längeren Schmerztherapie ist deshalb immer
die Kontrolle der Organfunktionen notwendig (Niere, Leber, Magen-Darmtrakt, Blutdruck, Herz-Kreislauf u.a.). Im Schub bleibt meist nichts anderes übrig, als Schmerzmedikamente einzusetzen, aber möglichst kurz und in einer möglichst niedrigen, aber noch wirksamen Dosierung.

 

Dienen die Basismedikamente auch der Schmerzbekämpfung oder muss ich immer extra Schmerzmittel einnehmen?

Prof. Erika Gromnica-Ihle: Die Wirkung der so genannten Basismedikamente, zum Beispiel Methotrexat (MTX) besteht in der Verminderung der Krankheitsaktivität und bestenfalls in der Verhinderung weiterer Gelenkzerstörung. Besteht keine Entzündung mehr und sind die Gelenke nicht zerstört, besteht auch keine Schmerzursache mehr. Die Basismedikamente brauchen aber einige Wochen bis zum Wirkungseintritt. MTX beispielsweise wirkt erst nach vier bis sechs Wochen. In dieser Zeit müssen entweder Entzündungs-oder Schmerzhemmer als Brückenmedikamente eingesetzt werden. Später im Krankheitsverlauf sind Schmerzmittel nur in Schub- oder Belastungssituationen notwendig. Je besser die rheumatoide Arthritis auf eine Basistherapie eingestellt ist, umso seltener werden Sie Schmerzmittel benötigen.

 

Wann kommt Kortison zum Einsatz?

Prof. Stefan Schewe: Kortison ist ein hoch effektives Medikament, um Entzündungen rasch zu unterdrücken. Wenn eine akute Entzündung besteht, die nicht durch Bakterien verursacht ist, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Kortison behandelt werden müssen. Alle anderen Basismedikamente brauchen deutlich mehr Zeit, bis sie die Entzündung unterdrücken können. Hätte Kortison nicht so viele  Nebenwirkungen, wäre es das ideale Medikament für praktisch alle entzündlichen Rheumaerkrankungen. Seine zahlreichen Nebenwirkungen sind allerdings in der Regel nur dann von Bedeutung, wenn Kortison über längere Zeit gegeben werden muss, also beispielsweise über Monate hinweg.

 

Welche Nebenwirkungen sind das?

Prof. Stefan Schewe: Die wichtigsten Nebenwirkungen sind: Osteoporose (vermehrter Knochenabbau), erhöhte Infektionsgefährdung, grauer Star, Hautveränderungen (z.B. Hautblutungen bei kleinsten Verletzungen). Es kann zu erhöhtem Blutdruck kommen, vermehrt zu Arteriosklerose mit Gefahr von Herzinfarkt und Schlaganfall. Hinzu kommt das Risiko der Gewichtzunahme, weil das Hungergefühl verändert wird und man automatisch mehr isst, gleichzeitig aber wegen der Gelenkerkrankung weniger Bewegung hat. Nicht zuletzt kann es unter Kortison auch zu psychischen Problemen kommen. Da die Nebenwirkungsrisiken von Dosis und Dauer der Einnahme abhängen, sollte man Kortison immer nur in der möglichst geringsten noch wirksamen Dosierung über einen möglichst
kurzen Zeitraum einnehmen.

 

Führen nicht alle Schmerzmittel irgendwann zur Abhängigkeit?

Prof. Erika Gromnica-Ihle: Eine Abhängigkeit entwickelt sich in der Regel nur bei Opioidhaltigen und Opioid-ähnlichen Schmerzmitteln.


Wann helfen Spritzen in die betroffenen Gelenke?

Prof. Erika Gromnica-Ihle: Wenn zum Beispiel bei rheumatoider Arthritis trotz erfolgreicher Basistherapie wenige Gelenke noch immer Entzündungen zeigen oder diese rasch wiederkehren. Wenn diese Gelenke stark angeschwollen sind, ist es sehr hilfreich, ein Kortison-Präparat direkt in das Gelenk zu spritzen. Die unerwünschten Wirkungen des Kortisons sind durch diese „lokale“ Therapie deutlich geringer als bei einer Kortisongabe als Tabletten.

 

Bei welchen rheumatischen Erkrankungen kommen Biologika zum Einsatz?

Prof. Erika Gromnica-Ihle: Biologika kommen heute bei fast allen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen zum Einsatz: rheumatoide Arthritis, Arthritis bei Schuppenflechte, Morbus Bechterew, systemischer Lupus erythematodes und bei einigen Gefäßentzündungen (Vaskulitis), aber auch bei Osteoporose oder schwerer Gicht.


Welche Nebenwirkungen haben Biologika – und machen sie Schmerzmittel überflüssig?

Prof. Erika Gromnica-Ihle: Hauptgefahr der Biologika ist die Neigung zu Infektionen. Diese Gefahr besteht bei allen in der Rheumatologie eingesetzten Biologika. Daneben gibt es für bestimmte Biologika besondere Nebenwirkungen, die zu beachten sind. Der Einsatz von Biologika hat dazu geführt, dass viel mehr Erkrankungen zum Stillstand kommen oder ihr Fortschreiten verlangsamt wird. Damit hat sich auch der Gebrauch von Schmerzmitteln deutlich vermindert.

 

Wie finde ich einen Rheumatologen in meiner Nähe, der sich mit der Behandlung von Fibromyalgie auskennt?

Prof. Erika Gromnica-Ihle: Gehen Sie einfach auf die Web-Seite der Deutschen Rheuma-Liga. Unter www.rheuma-liga.de sehen Sie auch die „Versorgungslandkarte“. Dort finden Sie unter den internistischen Rheumakliniken auch jene, die sich in Ihrer Nähe mit dem Fibromyalgie-Syndrom beschäftigen. Noch einfacher ist es, die Rat- und Hilfe-Nummer der Rheuma-Liga anzurufen. Sie lautet 01804 600000. Sie werden dort zu dem Landesverband des Bundeslands weitergeleitet, aus dem Sie anrufen.


Bei mir wurde vor zwei Jahren eine juvenile idiopathische Arthritis diagnostiziert. Nun werde ich bald 18 und kann nicht mehr zu meinem Kinderrheumatologen gehen. Worauf muss ich beim Arztwechsel achten?

Prof. Erika Gromnica-Ihle: Am besten, Sie gehen auf die Internetseite der Deutschen Rheuma-Liga unter www.rheuma-liga.de. Dort finden Sie auch einen Link zu unserem Angebot „Mein Rheuma wird erwachsen“. Oder gehen Sie direkt auf www.mein-rheuma-wirderwachsen.de. Dort können Sie mit jungen Leuten, unseren so genannten „Peers“, direkt in Kontakt treten. Diese haben den Prozess des Übergangs schon erfolgreich geschafft und sie können Ihnen viele wertvolle Tipps geben. Außerdem finden Sie auf der Website viele nützliche Ratschläge und Aktiv-Angebote.

 

 

Leben mit Rheuma – Hilfe von A bis Z


Deutsche Rheuma-Liga
Die Krankheit besser bewältigen, den Alltag aktiv gestalten, zum Experten in eigener Sache werden – die Deutsche Rheuma-Liga unterstützt Betroffene in allen Aspekten, die das Leben mit Rheuma mit sich bringt. Dazu informiert sie umfassend zu den unterschiedlichen Krankheitsbildern, berät individuell, schafft Bewegungsangebote, Seminare und Schulungen sowie die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffen auszutauschen. Zusätzlich vertritt sie die Interessen Rheumakranker gegenüber Politik, Gesundheitswesen und Öffentlichkeit und engagiert sich für die Förderung von Forschungsprojekten. Betroffene finden Rat und Hilfe in ihrer Nähe – in den 16 Landesverbänden der Rheuma-Liga sowie in drei indikationsspezifischen Mitgliedsverbänden. Der Bundesverband betreibt zudem mit seinem Internetportal ein umfangreiches Onlineangebot zum Thema Rheuma.
www.rheuma-liga.de

 

Kontaktdaten der Landes- und Mitgliedsverbände der Deutschen Rheuma-Liga:


Landesverbände

  • Baden-Württemberg: www.rheuma-liga-bw.de, Tel. 0 72 51-9 16 20
  • Bayern: www.rheuma-liga-bayern.de, Tel. 089-5 89 88 56 80
  • Berlin: www.rheuma-liga-berlin.de, Tel. 030-32 29 02 90
    Brandenburg: www.rheuma-liga-brandenburg.de, Tel. 0800-26 50 80 39 15-1
    Bremen: www.rheuma-liga-bremen.de, Tel. 0421-1 76 14 29
    Hamburg: www.rheuma-liga-hamburg.de, Tel. 040-66 90 76 50
    Hessen: www.rheuma-liga-hessen.de, Tel. 069-35 74 14
    Mecklenburg-Vorpommern: www.rheumaligamv.de, Tel. 0381-7 69 68 07
    Niedersachsen: www.rheuma-liga-nds.de, Tel. 0511-1 33 74
    Nordrhein-Westfalen: www.rheuma-liga-nrw.de, Tel. 0201-82 79 70
    Rheinland-Pfalz: www.rheuma-liga-rlp.de, Tel. 0671-83 40 44
    Saarland: www.rheuma-liga-saar.de, Tel. 0681-3 32 71
  • Sachsen: www.rheumaliga-sachsen.de, Tel. 0341-3 55 40 17
    Sachsen-Anhalt: www.rheuma-liga-sachsen-anhalt.de, Tel. 0345-68 29 60 66
    Schleswig-Holstein: www.rlsh.de, Tel. 0431-53 54 90
    Thüringen: www.rheumaliga-thueringen.de, Tel. 036742-6 73 61


Mitgliedsverbände

  • Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew e. V., www.bechterew.de, Tel. 09 721-2 20 33
  • Lupus Erythematodes Selbsthilfegemeinschaft e. V., Tel. 0202-4 96 87 97
  • Sklerodermie Selbsthilfe e.V., Tel. 07 131-3 90 24 25

 

 

Quelle: pr | nrw, Fotos: SENTELLO, fotolia.de | clipdealer.de



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